Mind-Body-Medizin (MBM) bei Schmerzen: Was die Wissenschaft sagt!

Die Mind-Body-Medizin ist in den USA bereits ein fest etablierter Bestandteil der medizinischen Versorgung. Sie wird dort von den National Institutes of Health (NIH) definiert als eine Medizin, die auf die Interaktionen und Beziehungen zwischen Gehirn, Geist, Körper und dem Verhalten abzielt sowie auf effektive Mittel und Wege, mit denen emotionale, mentale, soziale, spirituelle und verhaltensbedingte Faktoren direkten Einfluss auf die Gesundheit nehmen können.

Aber auch in Deutschland wird MBM immer mehr als ein sanfter Therapieansatz bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern angewendet.

„Vor allem bei Schmerzpatienten haben wir mit MBM große Erfolge“  (Prof. Dobos)

Die Wurzeln der MBM liegen u.a. in den Ergebnissen der Stressforschung. Sie bezieht sich auf den wechselseitigen Einfluss von Geist, Psyche (Mind), Körper (Body) und Verhalten sowie auf die direkte Wirkung von Gefühlen, Gedanken, Einstellungen, sozialen und spirituellen Aspekten und Verhaltensfaktoren auf die Gesundheit. Dass MBM z.B. bei Stress erfolgreich angewendet wird, ist allgemein anerkannt und nachgewiesen. Wir möchten Ihnen in dieser Artikel-Reihe gerne die MBM als Therapievariante gegen verschiedene Formen des chronischen Schmerzes vorstellen.

Mit insgesamt 6 weiteren Artikeln informieren wir über aktuelle wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu Mind-Body-Therapien. 

Folgende Erkrankungen werden wir behandeln:

  • Teil I: Kopfschmerzen
  • Teil II: Schmerzen im unteren Rückenbereich
  • Teil III: Nackenschmerzen
  • Teil IV: Arthrose und rheumatoide Arthritis.
  • Teil V: Fibromyalgie
  • Teil VI: Schmerztherapie bei Krebspatienten

Diverse wissenschaftliche Untersuchungen konnten über die letzten Jahre zeigen, dass einige Ansätze der Mind-Body-Medizin dem Einzelnen helfen können, die täglichen Schwankungen seiner chronischen Schmerzsymptome zu bewältigen. Auch wenn derzeit die Anzahl an gut aufgesetzten Studien mit ausreichend geführten Kontrollen und einer hohen Probandenzahl noch zu gering ist, um eindeutig zu zeigen, ob ein Ansatz der MBM nützlich ist, deutet Vieles in die Richtung, dass es dem Patienten hilft, den Schmerz hilfreich zu therapieren.

MBM Allgemein

Der Grundgedanke der Mind-Body Medizin ist, dass Bewusstsein und Körper untrennbar miteinander verbunden sind und wechselseitig aufeinander einwirken. Interaktionen zwischen Gehirn, Geist, Körper und Verhalten können genutzt werden, um gesundheitsfördernde Wege zu einer besseren Gesundheit zu aktivieren. Die MBM unterstützt den Menschen darin, die Fähigkeit zur Selbstfürsorge zu entwickeln und/oder zu erhalten. Die Mind-Body Medizin umfasst ergänzend zur konventionellen und naturheilkundlichen Medizin ein Therapie-Angebot, welches die Patienten unterstützt, in Eigenaktivität bewusst an der Genesung und dem Erhalt der Gesundheit mitzuwirken. Das Medizinkonzept ist somit ganzheitlich und integrativ.

Die Geist-Körper-Medizin konzentriert sich dabei in der Regel auf Interventionsstrategien, die die Gesundheit fördern sollen, wie Entspannung, Hypnose, Imaginationsübungen, Meditation, Yoga, Biofeedback, Tai-Chi, Qi Gong, kognitive Verhaltenstherapien, Gruppenunterstützung, autogenes Training und Spiritualität. 

Wie bereits oben kurz angerissen stammt die Mind-Body-Medizin begrifflich aus den USA und wurde dort vom Harvard-Kardiologen Herbert Benson im Kontext der ab den 1970er-Jahren aufkommenden modernen Meditationsforschung begründet. Was Benson zu Beginn feststellte, war die Beobachtung, dass Selbstheilung auch „Kopfsache“ war – nach dem Motto: „mind matters most“.

Das BERN-Prinzip (Behavior-Exercise-Relaxation-Nutrition) 

Als Mind-Body-medizinische Methoden sind Interventionsstrategien etabliert, die dem sog. BERN-Prinzip folgen. Dieses sind Maßnahmen, die auf folgende Punkte abzielen:

B – Behavior (Verhalten)

E – Exercise (Bewegungspotenzial)

R – Relaxation (Entspannungspotenzial)

N – Nutrition (gesunde Ernährung) 

Entwickelt wurde es von dem Mediziner und Gesundheitswissenschaftler Tobias Esch von der Universität Witten/Herdecke. 

MBM bei Schmerzpatienten 

„Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen.“

Dies ist ein Zitat von Professor Dobos aus einem Interview mit „Gesund in Rhein-Main“ zum Thema Integrative Medizin vom März 2020.

Prof. Dobos ist Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den evangelischen Kliniken Essen-Mitte, Stiftungsprofessor für Naturheilkunde an der Universität Duisburg- Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.

In seinem Interview beschreibt er u.a. seine Erfahrungen zu MBM. Lesen Sie hier einige Auszüge aus diesem:

MindBody (Geist/Körper) Medizin. Was meint der Begriff?

Vereinfacht gesagt, ist die Mind-Body-Medizin eine Therapie für eine „dickere Haut“.

Definitionsgemäß nutzt sie gezielt die Interaktion zwischen Gehirn und Körper und führt damit zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte. 

In der Praxis geht es darum, das eigene Innen- und Außenleben zu erforschen, zu ordnen und zu stabilisieren. Das erlernen die Patienten bei uns mit Gesprächen, Verhaltenstherapie, Körper- und Entspannungsübungen und Meditation. Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen. 

Beinhaltet die MindBody Medizin somit primär eine kognitive Umstrukturierung des Patienten?

Natürlich gehen alle Veränderungen und Umstrukturierungen über Prozesse im Gehirn. Neurowissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass das Gehirn ständig die inneren Bewegungen im Körper bewertet und auch versucht, sie immer wieder neu zu ordnen. Man nennt das auch `Homöodynamik´, also das Streben nach einem inneren Gleichgewicht, nach der Balance.

Ganzheitliche Therapien ticken diese emotionalen Zentren im Gehirn direkt an. An einem einfachen Beispiel erklärt: Es macht keinen Sinn, bei einem Patienten Schlafstörungen zu behandeln, ohne eine ungünstige Gliederung seines Tagesablaufs und psychosoziale Stressoren zu hinterfragen. Schon im Gespräch wird eine Umstrukturierung anzustoßen, die nachhaltige Veränderungen, wie zum Beispiel zukünftig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, ermöglichen.

Also Salutogenese statt Pathogenese?

Etwas von beidem. Salutogenese meint die persönliche Suche nach den einfachen Quellen für Gesundheit. Und solange das nicht die Basis unseres individuellen Lebens ist, brauchen wir die Pathogenese, also die Frage nach der Ursache von Krankheit. 

Bei KZ-Häftlingen hat er den Umgang mit Traumata untersucht. Die Kraft der Gedanken, Imagination, Haltung und das innere Bewusstsein waren entscheidende Aspekte zum Überleben in solchen Ausnahmesituationen. Diese Kraft der Gedanken spiegelt sich in unseren Therapien wider. 

Das Ziel ist immer, die Patienten für eine bewusstere und gesündere Lebensweise in Eigenverantwortung zu sensibilisieren.

Praktizieren Sie hier in Essen das Klinik-Modell der Zukunft?

Fast 80 Prozent des Gesundheitsbudgets wird in Deutschland nur für die Behandlung chronischer Erkrankungen aufgewendet. Der rasche Anstieg der älteren Bevölkerung wird diese Entwicklung noch drastisch verschärfen. Unsere Medizin wird schlicht unbezahlbar. Hier haben die Salutogenese als Präventivkonzept, Ordnungstherapie und Naturheilkunde einiges anzubieten. Auch übrigens das Potential, den demografischen Wandel bezahlbar zu machen.

Resümierend kann man festhalten, dass die Mind-Body-Ansätze gewisse Vorteile und Nutzen bieten: Insbesondere hinsichtlich physischer und psychischer Risiken, welche bei der MBM minimal sind. Darüber hinaus können die meisten Interventionen zwischen Körper und Geist, sobald sie getestet und standardisiert sind, leicht vermittelt werden. 

Zukünftige Forschungen zu Grundlagen der Mind-Body-Medizin und deren Unterschiede in den individuellen Reaktionen bzw. Wirkungen, werden uns weitere Erkenntnisse liefern, welche die Wirksamkeit und individuelle Anpassung von Geist-Körper-Interventionen weiter verbessern können. Schon heute gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Geist-Körper-Interventionen positive Auswirkungen auf die psychische Funktionsweise und die Lebensqualität haben und insbesondere für Patienten mit chronischen Krankheiten hilfreich sein können, die fertig werden und gegebenenfalls eine Palliativversorgung benötigen.

In unserer Reihe „MIND-BODY-MEDIZIN (MBM) FÜR CHRONISCHE SCHMERZEN: WAS DIE WISSENSCHAFT SAGT“ erfahren Sie bei den Naturheilkundetagen in Kürze mehr dazu. In einem weiteren Artikel werden wir uns in Kürze auch der Behandlung von Stress und Depressionen mit MBM widmen.

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Quellen:

https://www.nccih.nih.gov/health/providers/digest/mind-and-body-approaches-for-chronic-pain-science

https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-020-03133-8

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  1. […] bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern angewendet. Nachdem wir in der Eröffnung der Serie „MIND-BODY-MEDIZIN (MBM) FÜR SCHMERZEN“ ganz allgemein über MDM als Schmerztherapie berichtet haben, möchten wir uns in den folgenden […]

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