ALLERGIEN – Unser Mikrobiom als Essentieller Helfer und Spiegel unserer Gesundheit!

ALLERGIEN – Unser Mikrobiom als Essentieller Helfer und Spiegel unserer Gesundheit!

Gerade in den letzten Jahren hat die Forschung über unser Mikrobiom in Zusammenhang mit unserem Immunsystem und Allergien zunehmend an Bedeutung gewonnen. Es finden sich zahlreiche aktuelle Studien und Reviews zu diesem Thema. Lesen Sie hier eine Übersicht zu neuesten Erkenntnissen speziell im Hinblick auf Allergien.

Ein gesundes Mikrobiom – ein Schlüsselfaktor!

Noch vor 80 Jahren litten in unseren Regionen weniger als zwei Prozent der Bevölkerung an Heuschnupfen – heute sind es zwischen 15 und 20 Prozent. Die Quote bei Neurodermitis liegt sogar bei 15 bis 30 Prozent bei Kindern und zwischen 2 und 10 Prozent bei Erwachsenen.

Allergische Erkrankungen wie Lebensmittelallergien, Neurodermitis und Asthma sind immunvermittelte entzündliche Erkrankungen, die mittlerweile in allen Industrieländern ein Problem des öffentlichen Gesundheitssytems darstellen. Der signifikante Anstieg allergischer Erkrankungen in den letzten Jahren ist im Wesentlichen eng mit den verschiedenen Umweltveränderungen verbunden. Insbesondere die fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung, weit verbreitete Hygieneprogramme und der zunehmende Einsatz von Antibiotika, sowie wenig Bewegung und stark prozessierte Lebens- und Futtermittel sind hier verantwortliche Faktoren. All diese Veränderungen haben zu einer verringerten mikrobiellen Exposition im frühen Leben eines Menschen und damit zum Verlust der mikrobiellen Biodiversität bzw. zu einem Ungleichgewicht der Zusammensetzung des Mikrobiom geführt.

Immer öfter wird in diversen Studien bewiesen, dass die frühen Wechselwirkungen zwischen dem menschlichen Mikrobiom und den Immunzellen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung zu einem starken oder ehr schwachen Immunsystems spielen. Die frühe Entwicklung eines „gesunden“ Mikrobioms ist ein elementarer Schlüsselfaktor für ein starkes Immunsystem und eine lebenslange Gesundheit.

Störungen dieser Entwicklung, die zu Minderungen einer biologischen Vielfalt des Mikrobioms und der Stoffwechselaktivitäten führt, resultiert nachweislich in einer höheren Anfälligkeit für immunvermittelte Störungen im späteren Leben, einschließlich allergischer Erkrankungen.

Dieser Artikel gibt eine Übersicht über den potentiellen Beitrag des Mikrobioms im Magen-Darm-Trakt, in der Haut und in den Atemwegen für die Entwicklung allergischer Erkrankungen geben.

Ohne Mikrobiom wäre ein Mensch nicht lebensfähig: ein Organ, welches elementare Prozesse im Körper reguliert.

Das menschliche Mikrobiom besteht aus Bakterien, Viren, Pilzen, Protozoen und Archaeen, die ab den ersten Lebenstagen hauptsächlich den Magen-Darm-Trakt, aber auch die Atemwege und die Hautoberfläche besiedeln und sich allmählich mit dem physiologischen Wachstum des Individuums entwickeln und diversifizieren.

Es ist unglaublich, welche elementaren Funktionen dem Mikrobiom inzwischen nachweislich zugeschrieben werden: So reguliert das Mikrobiom beispielsweise das Immunsystem, es ist an Verdauung und Stoffwechsel beteiligt, hält Nerven und Gehirn in Schwung und regelt den Hormonhaushalt. Ohne Mikrobiom wäre ein Mensch nicht lebensfähig.

Die bedeutenden wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre in der Analyse unseres Genoms hat es ermöglicht, die komplexe Rolle des menschlichen Mikrobioms bei der Pathogenese allergischer Erkrankungen immer besser zu verstehen.

Eine möglichst „natürliche“ Kindheit prägt die Gesundheit eines Menschen.

Die Zusammensetzung von Mikrobiomen ändert sich in den ersten Lebensjahren eines Menschen sehr dynamisch. Verschiedene prä-, peri- und postnatale Umwelt- und Wirtsfaktoren beeinflussen die Bildung und Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms. Die Reifung der Darmmikrobiota zu einer erwachsenenähnlichen Struktur erfolgt größtenteils im Alter von 2 oder 3 Jahren. Daher könnte die frühe Kindheit eine kritische Phase für die Modulation der Mikrobiota sein, um ein gesundes Wachstum und eine gesunde Entwicklung zu fördern. Unglaublich viele Faktoren, wie die Art der Entbindung, das Stillen, der Zeitpunkt und die Art des Abstillens spielen bei diesem Prozess eine extrem wichtige Rolle.

Die Art der Entbindung beeinflusst die Zusammensetzung des Mikrobioms.

Das Darmmikrobiom von Neugeborenen, die per Kaiserschnitt geboren werden, zeigt im Vergleich zu vaginal geborenen Babys einen geringeren Anteil an Kommensalbakterien. Das sind Bakterien, die den Körper gegen virale Infektionen verteidigen.

Gleichzeitig haben diese Kinder aber eine relativ hohe Konzentration an opportunistischen Krankheitserregern, die typischerweise im Krankenhausumfeld vorkommen, wie Enterococcus-, Enterobacter- und Klebsiella-Arten. Diese Erreger (zum Beispiel Viren, Bakterien oder Pilze) nutzen die Gelegenheit (lat. opportunitas) einer verminderten Immunabwehr aus. Ist der Körper aufgrund von Störungen des Immunsystems geschwächt (beispielsweise bei AIDSDiabetes mellitus oder einem Frühgeborenen), können sie eine Infektion verursachen. Bei gesunden Menschen werden diese opportunistischen Erreger vom Immunsystem in Schach gehalten.

Die Muttermilch prägt das „vorteilhafteste“ Darmmikrobiom.

Muttermilch trägt ganz wesentlich zur Entwicklung eines gesunden Darmmikrobioms bei. Sie enthält essentielle Mikronährstoffe und präbiotische Verbindungen, die die Besiedlung und das Wachstum von Kommensalbakterien unterstützen, sowie verschiedene immunaktive Faktoren, Oligosaccharide und Mikroben, die alle die Immunantwort des Wirts modulieren könnten. Neugeborene, die ausschließlich gestillt wurden, scheinen das „vorteilhafteste“ Darmmikrobiom mit der höchsten Konzentration an Bifidobakterien und der niedrigsten Anzahl an Clostridium difficile und Escherichia coli zu haben. Im Verlauf des Abstillprozesses bis hin zur Gabe anderer Lebensmittel und Getränke kommt es nach und nach zur Bildung eines Mikrobioms, welches mit dem eines Erwachsenen vergleichbar ist. Insbesondere die Einführung fester Lebensmittel beeinflusst diese Verschiebung. Es kommt zu einem anhaltenden Anstieg der SCFA-Spiegel (Short Chain Fatty Acids = kurzkettige Fettsäuren) im Stuhl und zur Expression von Genen, die für den zentralen Stoffwechsel des adulten Mikrobioms verantwortlich sind, wie z. B. Polysaccharidabbau, Vitaminbiosynthese und Abbau körperfremder Substanzen (Xenobiotika).

Die ersten 1000 Lebenstage scheinen das kritische Zeitfenster für die Mikrobiom-Modulation darzustellen. Verschiedenste Faktoren können jedoch auch später im Leben zu erheblichen Störungen der Darmmikrobiom-Zusammensetzung führen, wie z.B. langfristige Ernährungsumstellungen oder häufiger oder längerer Einsatz von Antibiotika. Eine kürzlich durchgeführte integrative Multi-Omics-Analyse (Gleichzeitige Analyse einer Probe hinsichtlich der Gene, Proteine und Stoffwechselprodukte) zeigte, dass der Einsatz von Antibiotika bei Erwachsenen Veränderungen des Darmmikrobioms hervorruft, welche die Immunogenität und die Reaktionen auf Influenza-Impfungen nachteilig beeinflussten.

Jedes Mikrobiom ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.

Die Zusammensetzung des Mikrobioms variiert zwischen den verschiedenen Körperbereichen. Einzigartige spezielle Lebensräume dieser Körperregionen wie Haut oder Darm, bedingen die Entwicklung unterschiedlicher mikrobieller Gemeinschaften. Die größte Konzentration und Vielfalt von Mikroorganismen findet sich im Magen-Darm-Trakt, der von fakultativen und streng anaeroben Bakterien dominiert wird. Aber auch die Schleimhäute in Mund, Nase, Lunge und Scheide sowie die Haut sind von unterschiedlichsten Mikrobenarten bevölkert. Kürzlich wurde festgestellt, dass auch Tumore ein ganz eigenes Mikrobiom besitzen. Jeder Mensch hat sein eigenes einzigartiges Mikrobiom – es ist so individuell wie ein Fingerabdruck und umfasst mehr Mikroorganismen als körpereigene Zellen.

Die Hygienehypothese: Macht uns zu viel Sauberkeit krank?

„Du riechst schon wieder nach Kaninchenstall – Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“,

eine Zeile aus einem Song des deutschen Liedermachers Franz Josef Degenhardt gibt sehr schön die frühere Einstellung der Kindererziehung wieder. Viele Mütter haben darauf geachtet, dass ihre Kinder möglichst steril aufwachsen – es wurden sogar Desinfektionsmittel aus der Apotheke geholt, um die Umgebung für einen Säugling möglichst steril zu halten.

Heute lehrt uns die Wissenschaft, dass die frühe Konfrontation mit Haustieren und Dreck, sowie das Aufwachsen mit vielen Geschwistern, der Kontakt zu Freunden für ein starkes Immunsystem elementare Faktoren sind.

Die Mechanismen, welche den Informationsaustausch zwischen dem Menschen als Wirt und der Mikrobe vermitteln, sind sehr komplex und bis heute nicht vollständig untersucht und verstanden. Sicher ist jedoch, dass sich ein gestörter „Dialog“ aufgrund eines aus dem Gleichgewicht geratenen Mikrobioms negativ auf die Immunnetzwerke auswirkt. Dies kann zur Entwicklung von Überempfindlichkeitsreaktionen, also Allergien auf eigentlich ungefährliche Umweltallergene führen. Das Immunsystem richtet sich gegen unser eigenes Gewebe oder andere, eigentlich harmlose Stoffe, wie Pollen und Nahrungsmittel.

Diese Zusammenhänge wurden in den letzten Jahrzehnten durch die sogenannte „Hygienehypothese“ erkannt. Sie basiert auf rein epidemiologischen Analysen und beschreibt, dass unterschiedlichste Umwelteinflüsse und damit die mikrobielle Exposition im frühen Leben eines jeden Menschen die Entwicklung in Bezug auf die Diversität des Mikrobioms entscheidend beeinflusst.

Folgende Umweltbedingungen mit einem positiven Einfluss zählen dazu:

  • Kontakt der Mutter mit Haustieren während der Schwangerschaft
  • vaginale Entbindung
  • Muttermilch
  • Leben auf dem Bauernhof
  • Kontakt zu Haustieren
  • Aufwachsen und Kontakt mit Geschwistern
  • nicht pasteurisierte Milch
  • keine Antibiotika-Exposition

Kinder, die besonders „natürlich“ aufgewachsen sind, zeigen ein wesentlich geringeres Risiko für allergische Erkrankungen. Diese Hypothese wurde in den letzten Jahren in aktuellen Studien untermauert. Danach besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen mikrobiellen Störungen im frühen Leben in Darm, Haut und Atemwegen und der Entwicklung allergischer Erkrankungen.

Das Mikrobiom und sein Einfluss auf unterschiedliche Allergien.

  1. Nahrungsmittelallergien

Nahrungsmittelallergien werden vermutlich stark vom Darm-Mikrobiom beeinflusst.

Der technologische Fortschritt der letzten Jahre hinsichtlich verschiedenster Analysemethoden hat eine Erforschung des Mikrobioms erst möglich gemacht.

Viele Studien schreiben dem Mikrobiom des Darms eine mögliche Rolle bei der Pathogenese und dem Verlauf einer Nahrungsmittelallergie zu. Man nennt in diesem Zusammenhang die sogenannten Kommensal-Mikroorganismen der Mikrobiota. Ein Kommensale ist – im Gegensatz zum Parasiten – ein Lebewesen, das sich von den Nahrungsrückständen eines Wirtsorganismus ernährt, ohne ihn jedoch zu schädigen. Dies trägt zu einer

Immunhomöostase im Darm und somit zur Entwicklung einer oralen Toleranz gegenüber Antigenen aus der Nahrung bei.

Verschiedenste Studien, in welchen Mikrobiome von Kuhmilch- oder Eiweiss-Allergikern mit gesunden Säuglingen verglichen wurden, zeigten unterschiedliche Anzahlen für bestimmter „gute“ und „schlechte“ Bakterienarten.

Kulturbasierte Studien zu Darmmikrobiota von Probanden mit und ohne Nahrungsmittel-Allergien lieferten hierzu weitere Erkenntnisse, welche die These unterstützen konnten. Das grosse Problem bei der Erforschung der Zusammensetzung der Mikrobiota ist jedoch, dass die überwiegende Mehrheit der Mikroorganismen nicht oder nur sehr schwer kultiviert werden können, da sie sehr spezielle Bedingungen zum Überleben benötigen. Dies gilt z.B. auch für Darmbakterien, die nur unter ganz bestimmten anaeroben Bedingungen existieren können. Aus diesem Grund konnten kultivierte Studien nur teilweise Erkenntnisse liefern. Die weitere Charakterisierung und der Vergleich von mikrobiellen Profilen einzelner Lebensmittelallergien ist daher wichtiger Bestandteil weiterer Forschungsansätze.

Mikrobielle Therapeutika zur Behandlung von Lebensmittelallergien

Aufgrund dieser Erkenntnisse, dass das Mikrobiom des Darms eine entscheidende Rolle bei Nahrungsmittelallergien spielt, ist die Suche nach mikrobiellen Therapeutika, die eine Nahrungsmittelallergie verhindern und / oder behandeln könnten, ein wichtiger neuer Ansatz, der von vielen Forschungsgruppen und Unternehmen verfolgt wird. Zu nennen wären hier

  • Ernährung
  • Probiotika
  • Präbiotika
  • Synbiotika
  • FMT (Fäkale Mikrobiota-Transplantation = Stuhltransplantation)

Sie alle stellen mögliche Interventionen dar, um das Darmmikrobiom positiv zu beeinflussen. Weitere Erkenntnisse und Informationen hierzu werden Sie in Kürze in unserem Blog finden.

Aussichten: Wir müssen noch viel lernen!

Unsere derzeitigen Erkenntnisse über das Darmmikrobioms bei Personen mit Lebensmittelallergien hat sich auf Bakterien bezogen, was auf die relativ einfache Charakterisierung durch kulturbasierte Methoden zurückzuführen ist. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass auch Viren und Pilze Einflüsse auf den Verlauf von Nahrungsmittelallergien haben, die noch nicht entdeckt wurden. Neueste biotechnologische Methoden ermöglicht eine Erforschung des Mikrobioms über das bakterielle Mikrobiom hinaus und bieten damit eine bessere Auflösung auf Spezies- und Stammebene.

Darüber hinaus haben sich die bisherigen Studien vorwiegend auf das Darmmikrobiom konzentriert, aber die Rolle der Mikrobiota an anderen Körperregionen, wie z.B. Haut und Atemwegen, könnten natürlich auch eine wichtige Rolle spielen.

Lebensmittelallergien sind eine komplexe und heterogene Krankheit. Mehrdimensionale Profilerstellung und systembiologische Ansätze sind erforderlich, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mikrobiota, molekularen Prozessen unseres Körpers und Umwelteinflüssen, die das Risiko von Lebensmittelallergien beeinflussen, zu analysieren. Unser Verständnis für Lebensmittelallergien wird fortlaufend durch Studien des Mikrobioms, sowie durch genomische, transkriptomische, epigenomische, metabolische und proteomische Studien erweitert. Dies ist ein notwendiger Schritt, um ein umfassenderes Verständnis der Nahrungsmittelallergie zu entwickeln und daraus neue Ansätze für deren Prävention und Therapie abzuleiten.

  1. Atopische Dermatitis

Atopische Dermatitis wird vermutlich über Darm- und Haut-Mikrobiom beeinflusst.

Atopische Dermatitis ist eine multifaktorielle chronisch entzündliche Hauterkrankung, die zu Trockenheit und Juckreiz der Haut führt. Sie ist oft mit Begleiterkrankungen wie allergischer Rhinokonjunktivitis, (allergisch bedingte Erkrankung der Nasenschleimhaut (Rhinitis), und der Augen) und Asthma verbunden.

Es gibt Anzeichen dafür, dass Mikroben sowohl auf der Haut als auch im Darm den Verlauf der atopischen Dermatitis beeinflussen können. Dementsprechend korreliert bei Patienten mit atopischer Dermatitis eine Abnahme der Mikrobiom-Diversität mit der Schwere der Erkrankung und einer erhöhten Besiedlung mit pathogenen Bakterien.

Verschiedene Faktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Klima, UV-Exposition und Lebensstilfaktoren können die Zusammensetzung des Hautmikrobioms beeinflussen. Das gesunde Hautmikrobiom wird durch Bakterien-Arten repräsentiert, die hauptsächlich an Talgstellen vorkommen, sowie durch andere Bakterien-Arten, die ehr eine feuchte Mikroumgebung bevorzugen. Malassezia ist die vorherrschende Pilzflora auf der menschlichen Haut.

Erst kürzlich konnte gezeigt werden, dass Staphylokokken-Arten mit Hautbeginn bei Säuglingen, die später nach 1 Jahr atopische Dermatitis entwickelten, nach 2 Monaten signifikant reduziert sind.

Wie bereits erwähnt scheinen aber auch Veränderungen im Darmmikrobiom zur Entwicklung von atopischer Dermatitis beizutragen. Patienten mit atopischer Dermatitis haben niedrigere Konzentrationen von Bifidobacterium im Darmmikrobiom als gesunde Kontrollpersonen, und diese Zahlen stehen in umgekehrter Beziehung zur Schwere der Erkrankung. Diverse andere Studien können den Bezug zwischen Darm-Mikrobiom und atopischer Dermatitis weiter untermauern.

Mikrobielle Therapeutika zur Behandlung von atopischer Dermiatitis

Das erweiterte Wissen über das Haut- und Darm-Mikrobiom und seine Funktionen bei der Modulation des Verlaufs von Hauterkrankungen wie atopische Dermatitis könnte zu ganz neuen Therapiestrategien führen.

Die antiseptische Behandlung wird seit Jahrzehnten bei atopischer Dermatitis angewendet. Mit Hilfe traditioneller kulturbasierter Methoden und moderner Metagenomik mehren sich jetzt die Hinweise, dass eine gezielte Behandlung der Dysbiose des Mikrobioms der Haut und des Darms möglicherweise zukünftig auch Teil eines Therapieplans wird.

Eine gezielte topische Behandlung, die eine frühe Besiedlung mit bestimmten Bakterienstämmen begünstigt, könnte ebenfalls das Risiko eines späteren Auftretens von atopischer Dermatitis verringern. Diese Ergebnisse zusammen mit dem Nachweis, dass die regelmäßige Anwendung von Feuchtigkeitscremes die Hautbarriere repariert und die kommensale bakterielle Vielfalt wiederherstellt, ist Grundlage für die laufenden Forschungen zur Anwendung topischer Probiotika als mögliche Strategie zur Modulation des Hautmikrobioms und somit zur Behandlung von atopischer Dermatitis.

  1. Asthma

Bei Kindern sind schon die ersten Stunden nach der Geburt prägend!

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Lunge steril ist. Zahlreiche Veröffentlichungen haben nun gezeigt, dass auch die Lunge ihre eigene Mikrobiota beherbergt. Folglich könnte auch die mikrobielle Dysbiose der Lunge eine ursächliche Rolle für die Entwicklung von Atemwegserkrankungen wie Asthma spielen.

Bedingt durch den Aufbau der Lunge ist die mikrobielle Dichte um den Faktor 102 geringer als die im Darm.

Viele Hinweise deuten darauf hin, dass die Zusammensetzung des Lungenmikrobioms im frühen Leben die Entwicklung der Gesundheit bzw. Krankheit der Atemwege beeinflussen kann. Präklinische Modelle unterstützen diese These. Die Besiedlung der oberen Atemwege (Nase, Nasennebenhöhlen und Rachenraum) beginnt extrem früh und scheint den Hauptbeitrag zur Zusammensetzung der unteren Atemwege (Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien und die Lunge selbst) zu leisten. Lungenproben von Neugeborenen, die einige Stunden nach der Geburt entnommen wurden, wiesen bereits diverse Bakterienstämme auf.

Die Entwicklung des respiratorischen Mikrobioms ist daher sehr stark von der Exposition in den ersten Stunden und von der Umgebung in den folgenden 4 bis 5 Monaten abhängig.

Anhand von epidemiologische gewonnenen Erkenntnissen zeigt auch bei Atemwegserkrankungen, dass Kinder, die in einem landwirtschaftlichen Umfeld aufwachsen und seit frühester Kindheit verschiedenen mikrobiellen Gemeinschaften ausgesetzt sind, weniger Atemwegs-Allergien haben.

Neue Erkenntnisse zeigen darüber hinaus, dass auch mikrobielle Darmstörungen im frühen Leben die Entwicklung einer allergischen Atemwegsentzündung beeinflussen können. Die Verwendung von Antibiotika bei neugeborenen Mäusen zeigte einen Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms. Es kommt zu Verminderungen der sogenannten intestinalen Tregs (eine spezialisierte Untergruppe von regulatorischen T-Zellen, welche die Aktivierung des Immunsystems unterdrücken und dadurch die Selbsttoleranz des Immunsystems regulieren) und damit verbunden zu einer erhöhten Anfälligkeit für Überempfindlichkeiten der Atemwege.

In ähnlicher Weise wird auch die Exposition von Menschen vor und nach der Geburt gegenüber Antibiotika mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Asthma in Verbindung gebracht.

In verschiedenen Längsschnittstudien wurde gezeigt, dass bestimmte Bakterienarten im Darmmikrobiom von Säuglingen, die im schulpflichtigen Alter Asthma entwickelten, im Vergleich zu gesunden Kontrollen signifikant verringert waren. Die Schutzwirkung gegenüber Asthma könnte durch Fermentationsprodukte bestimmter Bakterienspezies, wie Butyrat und kurzkettige Fettsäuren vermittelt werden.  Hohe Konzentrationen von aus Darmmikroben stammendem Butyrat im frühen Leben verringern das Risiko einer Allergensensibilisierung und des späteren Auftretens von Asthma sowohl in experimentellen als auch in Humanstudien.

In dieser Hinsicht sollte also die Rolle von Umweltfaktoren im Besiedlungsprozess der Atemwege nicht unterschätzt werden. Der Vergleich des Mikrobioms der oberen Atemwege von auf einem Bauernhof lebenden Kindern mit nicht landwirtschaftlichen Kindern ergab ein erhöhtes Risiko für Asthma bei nicht landwirtschaftlich aufgewachsenen Kindern, die einer viel geringeren Vielfalt von Mikroorganismen ausgesetzt waren.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es bei Kindern vermutlich ein Zeitfenster gibt für die Manipulation der Mikrobiota der oberen Atemwege und damit auch des Immunsystems, um die Entwicklung von Asthma zu verhindern. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Es könnte sogar eine Schutzfunktion des Lungenmikrobioms gegen Asthma geben, die aus einer frühen Besiedlung mit einer vielfältigen, nicht pathogenen Bakteriengemeinschaft besteht, die nicht dazu neigt, Th2-Entzündungsreaktionen auszulösen, sondern Toleranzen fördert.

Bei Erwachsenen

Wie zu erwarten, weist auch das respiratorische Mikrobiom bei Erwachsenen mit etabliertem Asthma im Vergleich zu gesunden Probanden eine geringere Bakterienvielfalt und gleichzeitig einen erhöhten Reichtum an Mikroorganismen auf, was Beides mit der Schwere des Asthmas korreliert.

Einige Daten geben Grund zur Spekulation, dass bei Allergen-sensibilisierten Personen die mukosale Lungenumgebung die Besiedlung verschiedener spezieller Mikroorganismen im Vergleich zu nicht sensibilisierten Personen begünstigt.

Daher beziehen sich die häufigsten Veränderungen der Lungenmikrobiota bei Asthmatikern auf eine Dysbiose, die die Wachstumsbedingungen von Proteobakterien, insbesondere der Gattungen Moraxella und Haemophilus, begünstigt. Dies wiederum führt zur Aktivierung entzündlicher Immunprozesse, was in einer Bronchienverengung und bronchialer Überempfindlichkeit resultiert.

Dialog zwischen Darm und Lunge: die Darm-Lungen-Achse.

Patienten mit chronischen Magen-Darm-Erkrankungen zeigen eine höhere Anfälligkeit für Lungenerkrankungen.

Es gibt verstärkt Hinweise darauf, dass es ein Übersprechen zwischen Darm und Lunge gibt. Man spricht auch von der sogenannten Darm-Lungen-Achse. Diese Beziehung scheint sehr wichtig für die Aufrechterhaltung der Immunhomöostase zu sein. Die Mechanismen, der gegenseitigen Beeinflussung der Mikrobiota sind nicht vollständig verstanden, aber es scheint, dass Darm- und Atemwegserkrankungen überlappende pathologische Veränderungen aufweisen und z.B. eine Verschiebung von Darmentzündung zu Lungenentzündung auftreten könnten. Störungen in diesem bidirektionalen Austausch sind daher mit einem vermehrten Auftreten von Atemwegserkrankungen wie Asthma verbunden. In der Folge scheint es so zu sein, dass Patienten mit chronischen Magen-Darm-Erkrankungen eine höhere Prävalenz von Lungenerkrankungen aufweisen. Auch hier sind weitere Forschungsansätze notwendig, um diesen Dialog im Detail zu verstehen und hinsichtlich der Entwicklung neuartiger Therapieansätze umzusetzen.

FAZIT: die ersten Lebensjahre prägen die Gesundheit!

Das frühe Leben ist eine prägende und damit extrem wichtige Zeit für die Entwicklung von Mikrobiom und Immunsystem. Die Störung der Entwicklung und Reifung des Mikrobioms in den ersten Lebensjahren kann fatale schädliche Auswirkungen auf die Immungesundheit haben und bestimmt die Entwicklung allergischer Erkrankungen.

Obwohl die Zusammenhänge zwischen Ernährung im frühen Leben, Mikrobiom und Entwicklung des Immunsystems in den letzten Jahren immer besser verstanden werden, bestehen weiterhin erhebliche Wissenslücken hinsichtlich der beteiligten molekularen Mechanismen. Das Verständnis dieser Mechanismen ist von größter Bedeutung, um effektive neue natürliche und zielgenaue Therapieansätze für allergische Erkrankungen zu entwickeln, welche möglichst wenig oder keine schädlichen Nebenwirkungen zeigen.

Erste interessante Ergebnisse hinsichtlich natürlicher Therapieformen für Allergien gibt es bereits. Sie werden hierzu in Kürze auf unserer Website „Die Naturheilkundetage“ weitere Informationen bekommen.

 

Quellen:
Übersichtsartikel in Frontiers in Immunology
Übersichtsartikel in Journal of Allergy and Clinical Immunology
Übersichtsartikel in Journal of Allergy and Clinical Immunology